Wir schreiben das Jahr 1950. Die einst so blühende Stadt Frankfurt am Main gibt mit ihren zerstörten Häusern und Kirchen immer noch beredtes Zeugnis eines verlorenen Krieges. An allen Ecken und Enden aber beginnt das großstädtische Leben wieder zu pulsieren. Der Wiederaufbau ist in vollem Gange. Hoffnungen auf eine bessere Zukunft entfachen Kräfte und entwickeln Initiativen, die wohl nur Zeiten der inneren und äußeren Not und dem Wunsch entspringen, lang Entbehrtes wieder genießen und sich daran erfreuen zu können. Neben dem Verlangen nach äußerlichen Gütern und Verbesserung des Lebensstandards im allgemeinen, ist es auch der Hunger und die Sehnsucht der Besinnung und innerer Einkehr an Orten, die abseits jeglicher Hektik des Alltags, Zeiten der Ruhe und des so lange Zeit entbehrten Friedens bieten können. Es ist die Zeit, da noch viele Frauen auf ihre kriegsgefangenen oder in fremden Ländern vermissten Männer, die Eltern auf ihre Söhne, die Kinder auf ihre Väter warten. Noch sind die Wunden offen, die durch den Verlust eines Familienangehörigen oder eines Freundes geschlagen worden sind. Dieser Hintergrund war es wohl, der kurz nach dem Krieg die Menschen in die wenigen erhaltenen Kirchen und Gemeindehäuser zu den Gottesdiensten drängte. Dieser Hintergrund war es aber auch, der an eine in dieser Situation sicher ehrlich gemeinte „Umkehr“ und Besinnung auf das Wesentliche, der zum Teil von tiefem Leid geschlagenen Menschen glauben ließ. In der Rückschau werden wir heute

 
 

sicherlich - im Hinblick auf den Besuch der Gottesdienste - die Dinge anders und innerhalb der Kirche selbstkritischer zu werten haben. Dennoch, in diesem Jahr 1950 war es der von den Kriegsfolgen ebenfalls schwer heimgesuchte ehemalige Textilkaufmann aus Danzig, Arnold Thrun, der um die emotionale Kraft der Musik wusste, und mit dieser Kraft Trost und Fröhlichkeit vermitteln wollte. Beim Hören auf die Musik wird das wirksam, was Martin Luther während des Augsburger Reichstags 1530 auf der Veste Coburg in einer Skizze als besonders positive Eigenschaften der Musik notiert hat:

Sie ist ein Geschenk Gottes; sie macht die Seelen fröhlich; sie verjagt den Teufel; sie weckt unschuldige Freude; darüber vergehen Zorn, Begierde und Hochmuth; sie ist eine freidliche Kunst.

Da die Dinge aber nicht so einfach liegen, dass jede Musik den Teufel verjagt und den Menschen besser macht, interpretieren wir Luthers Äußerung so, dass in der „guten“ Musik (was sicherlich nicht ganz leicht zu definieren ist) ihre heilenden und ordnenden Kräfte dem Menschen zu einer spürbaren Hilfe werden können. Von dieser Musik ausgehend reifte in Arnold Thrun der Plan, alle drei Wochen „Abendmusiken“ in der Bornheimer Johanniskirche zu veranstalten. Diese schöne, am Stadtrand gelegene alte Barockkirche gehörte zu den wenigen Kirchen, die nicht den Bomben zum Opfer gefallen waren und noch eine intakte Orgel besaß. Mit dem Plan, regelmäßig Abendmusiken zu veranstalten, stieß Thrun bei dem für diese Kirche zuständigen Kirchenmusiker Gerhard Bochmann auf offene Ohren. Der Kompetenzbereich in der Durchführung dieser Veranstaltungen wurde von beiden Herren unmissverständlich abgesteckt:

Herr Thrun übernahm mit seinem Erfahrungsreichtum als Geschäftsmann die Aufgaben der Organisation, Werbung und Finanzen, während Herr Bochmann ausschließlich für die künstlerischen Belange zuständig war.

Die erste Abendmusik wurde für den 23. Januar 1950 angesetzt. Von Briefkasten zu Briefkasten verteilte Arnold Thrun mit einem kleinen Mitarbeiterteam 8.000 Handzettel als Einladung für diese Veranstaltung. Die Zahl von 250 Besuchern bei der ersten Abendmusik war ein Ereignis und beflügelnder Ansporn für die Verantwortlichen dieser Idee. Ein Freundeskreis, von Haus zu Haus geworben, versprach mit einem monatlichen Obolus seine Unterstützung. Im ersten Jahr (1950) waren es 26 Mitglieder. Mit der immer weiter steigenden Zahl der Besucher wuchs auch die Zahl derer, die sich durch einen finanziellen Beitrag zur Unterstützung der Veranstaltungen verpflichteten. Da die Abendmusiken für jedermann zugänglich sein sollten, wurde von der ersten Veranstaltung an - bis heute ! - bei einer geringen Jahresspende kein weiterer Eintrittspreis erhoben. Auch der Aufführungstag am Montag war damals mit Bedacht gewählt, denn die vom Sonntagsgottesdienst noch einigermaßen warme Kirche brauchte nicht neu geheizt zu werden, und der Blumenschmuck vom Sonntag war eine freundliche Zugabe. Von Unterstützungen, Zuschüssen oder Subventionen seitens offizieller kirchlicher oder städtischer Stellen konnte noch keine Rede sein. Es scheint nahezu unglaublich, dass sich die Veranstaltungen aus den spärlichen Förderbeiträgen und Kollekten finanzieren ließen. Noch bemerkenswerter aber ist die Tatsache, dass sich Musiker, Gesangssolisten und Chöre von Rang, aus Begeisterung für ein sehr bescheidenes Entgelt zur Mitwirkung bereit erklärten. Von einem angemessenen Honorar für die anspruchsvollen Programme konnte keine Rede sein, da die ausbezahlten Summen höchstens die tatsächlichen Kosten der Mitwirkenden deckten, obwohl doch gerade damals jeder auf angemessene Einnahmen angewiesen war. Die Statistik weist auf, dass finanziell schwächer gestellte Rentner, Diakonissen Krankenschwestern, Studenten und Schüler einen großen Prozentsatz der Besucher der Veranstaltungen ausmachten. Wir sind stolz darauf, dass wir bis heute vielen Interessenten Konzerte anbieten können, die sie sich diese bei gleichem Programm und gleichen Mitwirkenden, aber bei professionellen Konzertveranstaltern wahrscheinlich nicht leisten könnten.
Das Bestreben der Gesellschaft „Freunde der Kirchenmusik“ war von Beginn an nicht darauf ausgerichtet, sich an eine Publikumselite zu wenden, sondern alle sozialen Schichten für die Musik zu gewinnen.

Nachdem die Veranstaltungen der „Freunde der Kirchenmusik“ als kultureller Faktor in Frankfurt an entscheidender Bedeutung zugenommen hatten und nicht mehr zu übersehen waren, begannen nun auch die Kirche (Evangelischer Regionalverband Frankfurt) und die Stadt Frankfurt am Main (Amt für Wissenschaft und Kunst) durch finanzielle Zuwendungen die Arbeit zu unterstützen.

Bald wurde die Johanniskirche zu klein, um die aus ganz Frankfurt und Umgebung zuströmenden Besucher aufnehmen zu können. Selbst Altarraum und Treppenstufen zur Empore waren willkommene Sitzplätze. Die Zahl der Förderer wuchs derart sprunghaft an, dass auf die kostspielige Plakatwerbung verzichtet werden konnte. Ein nicht zu unterschätzendes Geheimnis der Werbung aber wurde keinesfalls aufgegeben: Es sind die Einladungen, die an die Förderer vor jedem Konzert zugeschickt werden und die am Konzertabend kostenfrei verteilten geschmackvoll gestalteten Programme. 1962 bot sich die gerade wieder aufgebaute Heiliggeistkirche, mit ihrem ca. 700 Besucher fassenden Raum, für einen Standortwechsel an. Waren es in der Johanniskirche noch kleinere Chor- oder Solistenkonzerte, so erweiterte sich nun das Programmangebot durch Aufführungen von Kantaten, Oratorien und Orchesterwerken. Der gute Ruf der Veranstaltungen der „Freunde der Kirchenmusik“ drang über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. So war es nicht verwunderlich, dass sich im Laufe der Zeit zahlreiche Angebote von Künstlern und Ensembles aus dem Ausland auf dem Schreibtisch von Herrn Arnold Thrun häuften. So waren Chöre, Orchester und Solisten aus Frankreich, Finnland, Japan, Ungarn, der Schweiz, Australien, Polen, Slowakei, Osterreich u.a. zu Gast. Besonders durch die gemeinsamen Aufführungen des polnischen Studentenchores der Technischen Universität Wroclaw (Breslau) -Leitung: Piotr Ferensowicz und des Frankfurter Kantatenkreises - Leitung: Herbert M. Hoffmann, entstand eine freundschaftliche Partnerschaft.

Der Zuwachs an Förderern sprengte nach kurzer Zeit auch die Platzmöglichkeiten in der Heiliggeistkirche. Man zog nun weiter in die größere Peterskirche. Dazu kam eine ständig verbesserte Zusammenarbeit mit der Stadt Frankfurt am Main, insbesondere mit dem Orchester der Philharmonischen Gesellschaft Frankfurt. Die vom Amt für Wissenschaft und Kunst initiierten Zykluskonzerte im Palmengarten, die sich in erster Linie der Aufführung sinfonischer Werke widmen, wurden nun als große Bereicherung mit in das Programmangebot der „Freunde der Kirchenmusik“ aufgenommen. Diese neuen und außerhalb der Kirche stattfindenden Veranstaltungen waren dann 1979 auch der Grund für die Namensänderung in „Kirchenmusikverein Frankfurt am Main e.V.“. Nach vielen Jahren des Umzugs und Standortwechsels war der Kirchenmusikverein dem Evangelischen Regionalverband dankbar, dass er seit März 1980 durch den großzügigen Umbau und somit der Schaffung weiterer Platzkapazitäten in der Heiliggeistkirche, einen angemessenen Raum für seine Veranstaltungen zur Verfügung gestellt bekommen hat. Weise vorausplanend, mit hervorragendem Organisationstalent und feinem Gespür, hat Arnold Thrun die Gesellschaft „Freunde der Kirchenmusik“ fast 30 Jahre als deren Präsident geleitet und mit 88 Jahren sein Amt verhältnismäßig „krisenfest“ seinem Nachfolger am 18. Januar 1979 übergeben. Seitdem ist der Frankfurter Kirchenmusiker Herbert M. Hoffmann künstlerischer Leiter und führt als Vorsitzender die Geschäfte des Kirchenmusikvereins Frankfurt am Main.

 
 
Die Gesamtzahl der Veranstaltungen beträgt zur Zeit jährlich zwischen 23 und 25 Aufführungen. Dazu gehören Oratorien-, Chor-, Solisten- und Orchesterkonzerte sowie die „Frankfurter Orgeltage“ in der Heiliggeistkirche, Orchesterkonzerte im Festsaal des Palmengartens und seit 1999 bis zu 7 Konzerte jährlich im großen Saal der Alten Oper Frankfurt.